International etablierte Firmen arbeiten grösstenteils mit den ISO-Normen, bei kleineren sowie lokal ausgerichteten Betrieben stehen Betriebsnormen im Vordergrund.

Ausgabe 11 | 2022

Tüfteln nach Norm

Schweizerische Normen-Vereinigung (SNV)

Rund 2000 Lernende werden jährlich als Konstrukteur oder Konstrukteurin in der Schweiz ausgebildet. Ihr Berufsalltag ist stark von Normen geprägt, ja ohne Normen nicht mehr denkbar. Während ihrer Ausbildung ist die Vermittlung von Normungswissen deshalb ständiger Begleiter. Wir haben mit Thomas Wohlwend, Berufsbildner bei libs, über Normen in der Konstrukteuren-Ausbildung gesprochen.

Konstrukteurinnen und Konstrukteure erstellen Dokumente für die Fertigung, Montage, den Betrieb und die Instandhaltung von Maschinen, Anlagen oder Geräten. Wählen sie die libs als Ausbildungspartner, verbringen sie die ersten zwei Jahre in Baden, Heerbrugg, Rapperswil oder Zürich und dann später das dritte und vierte Jahr in einer Partnerfirma.

Ab Woche zwei in Kontakt mit Normen
Die erste Ausbildungswoche bei libs wird im Leben eines Konstrukteurs oder einer Konstrukteurin gleichzeitig die letzte Berufswoche ohne Normenbezug sein. Nach einer externen Seminarwoche, in der Themen wie Teambildung oder Methodenkompetenz im Mittelpunkt stehen, führt sie der Stundenplan in der darauffolgenden Woche bereits in die Industrienormen ein. «Es geht um Grundsätzliches wie beispielweise Wissenswertes rund um Linienarten. Welche Linie bedeutet was auf einer Zeichnung? Wie skizziere ich richtig? Von welchem Winkel aus betrachte ich ein Werkstück und so weiter», führt Thomas Wohlwend aus. Den Auszubildenden wird spätestens jetzt bewusst, wie intensiv ihr Berufsalltag mit Normen verbunden ist. Bekanntes Terrain für junge Menschen, die bereits im familiären Umfeld Einblick in die Konstruktionsarbeit hatten. Manchmal eine Überraschung für Berufsneulinge ohne Vorkenntnisse.

Das Regelwerk – der Normen-Auszug
Und hier treffen wir wieder auf ihn – den Normen-Auszug, herausgegeben von Swissmem und SNV. Dieses Standardwerk gehört ab Tag eins zur Toolbox der Lernenden und wird sie ihr gesamtes Berufsleben hindurch begleiten. «Vorteil ist, man kann sich auf ein Regelwerk stützen und weiss, wie man seine Arbeiten auszuführen hat. So sind auch in der neu überarbeiteten Version erneut viele optimierte Illustrationen zu finden», erläutert Thomas Wohlwend. «Nachteil ist, dass das Buch immer dicker und komplexer wird. Ich denke da beispielweise an die Inhalte zu Form- und Lagetoleranzen.» Die vierjährliche Überarbeitung des Normen-Auszugs bedeutet gleichzeitig, dass alle Lehrkräfte ihr Wissen und ihre Lehrmittel im regelmässigen Abstand auf den neusten Stand bringen müssen.

Wenn der Lernende mehr weiss
Die Tatsache, dass die Lernenden immer auf den neusten Normen-Auszug geschult werden, führt nicht selten zu der paradoxen Situation, dass sie am Arbeitsplatz bezüglich Normungswissen die bestausgebildeten Mitarbeitenden sind. Bestehende Hierarchien sind gefordert, diesem Umstand Rechnung zu tragen und zu akzeptieren, dass nicht mehr der Chef, sondern der Lernende Hüter des neusten Wissens ist. «Damit sich die jungen Konstrukteure gegen erfahrenere Personen fachlich durchsetzen können, bilden wir sie auch in Gesprächsführung sowie Überzeugungskraft aus. Wir lernen sie selbstsicher aufzutreten, hartnäckig zu bleiben und eingeschlafene Teams wach zu rütteln. Bei den ersten Gehversuchen mag das noch holprig gelingen, doch mit jedem erfolgreich abgeschlossenen Arbeitsstück steigt die Sicherheit», freut sich Thomas Wohlwend.

Was hat Vorrang: internationale Normen oder Betriebsnormen?
«Es ist beeindruckend, wie gross die Normenvielfalt ist, die Lernende in den vier Jahren zu bewältigen haben», bemerkt Thomas Wohlwend. «Nebst den internationalen und nationalen Normen müssen sie je nach Betrieb zahlreiche Betriebsnormen verinnerlichen. Der Umgang mit diesen ist stark abhängig von der Betriebsgrösse und der geografischen Ausrichtung der Lehrfirma. International etablierte Firmen arbeiten grösstenteils mit den ISO-Normen, bei kleineren sowie lokal ausgerichteten Betrieben stehen Betriebsnormen im Vordergrund. Getreu dem Motto: Derjenige in der Werkstatt weiss dann schon, was ich meine.» Der Spagat wird vor allem dann sichtbar, wenn Lernende in der Schule nach dem Normen-Auszug arbeiten, ihre Teilprüfung (Grundlagen) danach ablegen und später dann ihre praktische Abschlussarbeit nach Betriebsnormen umsetzen müssen. So kann für zwei gleiche Anwendungsfälle gerne mit unterschiedlichen Ellen gemessen werden. Prüfungsexperten berücksichtigen und akzeptieren diese Abweichungen, solange lückenlos und im Sinne des Normungsverständnisses argumentiert wird. «Unser Wunsch an die Partnerfirmen ist konsequenterweise auch, dass sie sich selbst im Normungswesen permanent weiterbilden, um so den Lernenden eine optimale Ausbildungsplattform zu bieten».

Die 5 auch mal geradestehen lassen
Auch wenn es Normenbewussten schwerfällt, gilt es manchmal den pragmatischen Kompromiss zwischen Theorie und Praxis zu finden. Dies wird in unserem Gespräch bestätigt. Bei libs wird streng nach Norm gearbeitet. Bei einzelnen Fällen jedoch auch relativiert, wie die eine oder andere Aufgabenstellung im Alltag einfacher gehandhabt werden kann. Es gilt auch hier das Gesetz der Verhältnismässigkeit. Erst unter der Berücksichtigung der gesamten Wertschöpfungskette kann beurteilt werden, wo bei einer Konstruktionszeichnung null Toleranz herrscht und wo etwas Spielraum besteht. So ist eine reine Inhouse-Produktion anders zu bewerten als eine kollektive. Sind nämlich weitere Lieferanten in den Prozess eingebettet, garantiert nur eine sauber normierte Zeichnung die einwandfreie Funktion und lückenlose Rückverfolgung im Falle eines Fehlers. Und genau eine solche erzielt man bei der Anwendung des Normen-Auszugs. «Ich sehe es als Kompliment für den Normen-Auszug, dass wir höchst selten mit unseren Lernenden auf das Quelldokument der ISO-Norm zurückgreifen müssen. Er fasst in 99 Prozent aller Fälle die relevanten Themen kompakt und sehr professionell zusammen.»

Alle Sinne involvieren
Hilfreich ist, dass die Lernenden an der Berufsschule einen sehr soliden Grundstock an Normungs-Basiswissen erlernen. Thomas Wohlwend wertschätzt die konstruktive Zusammenarbeit mit der Berufsschule. Doch wie werden komplexe Normen am einfachsten und eingängigsten gelehrt? Das Zauberwort heisst: bildlich. Im Unterricht steht ein Sammelsurium an Beispielen von Werkstücken – teilweise auch bewusst falsch produzierte – zur Verfügung. So lernt man nicht nur theoretisch, sondern erfährt im praktischen Umgang, wieso etwas gut aussehen mag und doch nicht passt. Lesen, Hören, Fühlen … alle Elemente sollen im Unterricht verwendet werden, sodass sich für jeden Lerntyp ein Erfolgserlebnis einstellt. Und danach gilt: Übung macht den Meister und die Meisterin. «In der praktischen Ausbildung haben wir den Luxus, dass wir je nach Lernfortschritt das Lerntempo pro Theorieblock flexibel anpassen können. So ist sichergestellt, dass auch komplizierte Inhalte genügend vertieft behandelt werden», bekräftigt Thomas Wohlwend. «Zudem haben wir das Instrument der praktischen Projekte, in denen wir Theorieinhalte dann vermitteln, wenn sie relevant sind. Dank all dieser Massnahmen können wir mit gutem Recht behaupten, dass die Auszubildenden nach den ersten zwei Jahren von allen berufsrelevanten Normen mindestens einmal gehört haben und somit optimal für ihren Berufsalltag gerüstet sind.»

Wie funktioniert die «libs Industrielle Berufslehren Schweiz»?
Ziel von libs ist die Ausbildung des Nachwuchses in 16 Berufsausrichtungen. Das führende Ausbildungsunternehmen der schweizerischen Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie ist als Verein organisiert. Kernmitglieder sind ABB Schweiz AG, Accelleron Industries AG, Alstom Schweiz AG, General Electric, Hitachi Energy AG und Hexagon Leica Geosystem AG sowie über 140 Mitgliedsfirmen. Für die angeschlossenen Partnerfirmen übernimmt libs die Rekrutierung, Betreuung der Lernenden sowie deren Begleitung hin auf dem Weg zum Lehrabschluss. Die ersten zwei Ausbildungsjahre absolvieren die Lernenden in einem der vier libs Ausbildungsbetriebe. Dort erhalten sie theoretisches sowie praktisches Wissen vermittelt und wenden dieses bereits gezielt für die Ausführung von Kundenaufträgen an. Im dritten und vierten Lehrjahr werden die Auszubildenden innerhalb des Netzwerks in die vorgängig definierten Firmen versetzt und vervollständigen dort ihre praktische Ausbildung. Parallel besuchen sie in all den vier Jahren die offizielle Berufsschule und schliessen diese mit dem eidgenössischen Zertifikat ab. Dank diesem Modell erhalten die Lernenden eine moderne Ausbildung in einem breit gefächerten Arbeitsumfeld. Der Notendurchschnitt der libs Abgängerinnen und Abgänger liegt Jahr für Jahr über dem Durchschnitt und somit gehören die ausgebildeten Berufsleute auf dem Markt zu den gefragtesten.

INFOS | KONTAKT
Schweizerische Normen-Vereinigung (SNV)
Sulzerallee 70
CH-8404 Winterthur
T +41 (0)52 224 54 54
www.snv.ch
info@snv.ch

Zur Person
Er startete seinen Werdegang mit der Ausbildung zum Polymechaniker, Fachrichtung Konstruktion, bei der Firma Weidmann AG. Weitere Stationen waren die Arbeit im Werkzeugbau für Spritzgusswerkzeuge sowie in der Konstruktion von Hochspannungstechnik. Er ist Teil des siebenköpfigen Berufsbildner-Teams bei libs, die im Kanton Zürich rund 15 bis 20 Prozent der Konstrukteure ausbildet. Parallel amtet er als Experte für die Lehrabschlussprüfungen. Er liebt die Arbeit mit den jungen Menschen und geniesst es, von ihren frischen sowie manchmal unkonventionellen Ideen zu lernen.

Januar

Swiss Plastics Expo, Luzern

Fachmesse und Symposium für die Kunststoffbranche
17. bis 19. Januar
www.swissplastics-expo.ch

Logistics & Automation, Bern

Branchentreffpunkt für die Logistikindustrie
25. und 26. Januar
www.logistics-automation.ch

Empack, Bern

Branchentreffpunkt der Schweizer Verpackungsindustrie
25. und 26. Januar
www.empack-schweiz.ch

März

all about automation, Friedrichshafen

Fachmesse für Industrieautomation in der internationalen Bodenseeregion
7. und 8. März
www.automation-friedrichshafen.com

GrindTec, Leipzig

Internationale Fachmesse für Werkzeugbearbeitung und Werkzeugschleifen
7. bis 10. März
www.grindtec-leipzig.de