Industriefirmen sind immer noch stark auf die Digitalisierung ihrer internen Prozesse fokussiert.

Digitalisierung wird auf strategischer Ebene vernachlässigt

Swissmem, Industrie 2025

Eine Umfrage der Arbeitsgruppe «Digitalstrategie» der Initiative «Industrie 2025» unter Co-Leitung von AWK kommt zum Schluss: Nur ein Drittel der produzierenden Unternehmen in der Schweiz hält den eigenen digitalen Reifegrad für genügend hoch.

Und nur jedes fünfte investiert gross in Sicherheitstechnologien. Doch durch Covid-19 erhält die Digitalisierung auch in der Industrie eine neue Relevanz.
Die gute Nachricht vorweg: Ein Grossteil der produzierenden Unternehmen in der Schweiz hat bereits zahlreiche Digitalisierungsprojekte umgesetzt. Dies sind zu Beginn der Digitalisierungsbestrebungen oft Optimierungen operativer Prozesse. Entsprechend stufen 44 Prozent der Teilnehmenden einer Umfrage, die von der Arbeitsgruppe «Digitalstrategie» der Initiative «Industrie 2025» in der 2. Jahreshälfte 2020 durchgeführt wurde, den digitalen Reifegrad ihres Unternehmens als «mittel» ein. Nur 13 Prozent leben Digitalisierung als integralen Bestandteil ihrer Unternehmenskultur, während immerhin 17 Prozent bereits eine digitale Roadmap und klar definierte Prozesse und Tools implementiert haben.
Wie operativ die Schweizer Industrie beim Thema Digitalisierung noch unterwegs ist, zeigt sich darin, dass fast zwei Drittel noch keine ausformulierte Digitalstrategie haben. Zwar ist Digitalisierung für mehr als die Hälfte (55 Prozent) der Unternehmen eines der Top 3 strategischen Themen und für 12 Prozent sogar strategisches Thema Nr. 1, doch dem gegenüber hat jedes fünfte Unternehmen (22 Prozent) noch keine ausformulierte Unternehmensstrategie oder Digitalisierung ist kein strategisches Thema da­rin.

Strategische Herausforderung
Die Umfrage, an der die AWK Group mit der Co-Leitung durch Dr. Boris Ricken, Head of Manufacturing, massgeblich mitgewirkt hat, zeigt, dass Industriefirmen immer noch stark auf die Digitalisierung ihrer internen Prozesse fokussieren. 70 Prozent bezeichnen die Automatisierung von Produktion und Prozessen als «wichtige» oder «sehr wichtige» strategische Herausforderung. Dies widerspiegelt sich auch in den Investitionen: 40 bis 50 Prozent tätigen «hohe» oder «sehr hohe» Investitionen in die Automatisierung ihrer Kernprozesse (Produktion, Verkauf und Marketing, Service und Kundendienst, Entwicklung). Ein weiteres wichtiges Investitionsthema sind neue digitale Produkte und Services.
46 Prozent gaben an, hier viel oder sehr viel zu investieren. In die Digitalisierung der Supportprozesse (Beschaffung, Logistik, HR/Admin) wird hingegen deutlich weniger Geld gesteckt.
Aus technologischer Sicht investieren die befragten Unternehmen mit Abstand am meisten in Informationstechnologien (ERP, CRM, MES, PLM). 61 Prozent gaben an, hier «hohe» oder sogar «sehr hohe» Investitionen aufzuwenden. Weitere wichtige Technologien sind das Internet of Things und Data Analytics. Demgegenüber investieren Industriefirmen wenig in Blockchain-Technologie, Smart Contracts und Kommunikationstechnologien. Erstaunlich ist, dass trotz der zahlreichen Cyber-Attacken auf Industriefirmen im 2020 nur 20 Prozent aller Befragten «hohe» oder «sehr hohe» Budgets für Sicherheitstechnologien sprachen.

Noch keine Digitalisierungs­strategie
Covid-19 ändert diese Momentaufnahme beträchtlich. Fast drei Viertel (70 Prozent) der Befragten stimmten der Aussage zu, dass die Digitalisierung durch die Covid-19-Krise noch bedeutender für sie geworden ist. Nur ein Bruchteil der Umfrageteilnehmenden (6 Prozent) rechnet mit einem umfangreichen Stopp von Digitalisierungsprojekten im eigenen Unternehmen aufgrund von Covid-19.
Boris Ricken, Co-Autor der Umfrage, gibt zu bedenken: «Durch Covid-19 hat die Digitalisierung für Industriefirmen weiter an Bedeutung gewonnen. ­Allerdings zeigt die Umfrage der Arbeitsgruppe auch, dass es für die Schweizer Industrie noch viel Handlungsbedarf gibt. So hat ein Grossteil der Unternehmen noch keine Strategie für Digitalisierung. Zudem liegt der Fokus immer noch stark auf der internen Prozessoptimierung. Wir empfehlen aber unbedingt auch die anderen Handlungsfelder von Digitalisierung zu berücksichtigen: Wo sind Chancen für neue digitale Produkte und Services? Wie können wir unsere Kunden mit digitalen Lösungen noch mehr begeistern und ans Unternehmen binden?»

Digitalisierung ist ein Top-­Management-Thema
Philip Hauri, Geschäftsleiter «Industrie 2025», ergänzt: «Unsere Schweizer Industrie hat Nachholbedarf. Die Covid-19-Krise ist zudem ein Katalysator, der Gewinner und Verlierer anhand ihrer Fähigkeit zu digitalisieren ausliest. Wir empfehlen bei knappen Ressourcen, das Portfolio strategisch neu zu priorisieren. Digitalisierung ist ein Top-Management-Thema, das auf Ebene Geschäftsleitung und Verwaltungsrat vorangetrieben werden muss. Dass diese Botschaft mehrheitlich schon angekommen ist, zeigt auch die Umfrage: Die Geschäftsführung von Unternehmen ist für 58 Prozent diejenige Anspruchsgruppe, welche die Digitalisierung am stärksten vorantreibt.»
An der Umfrage, die im zweiten Halbjahr 2020 durch die Arbeitsgruppe «Digitalstrategie» der Initiative «Industrie 2025» durchgeführt wurde, nahmen 113 Schweizer Unternehmen des produzierenden Gewerbes teil. 82 Prozent der Teilnehmenden sind im oberen Kader angesiedelt, davon 50 Prozent als Mitglieder der Geschäftsleitung und 32 Prozent auf der Stufe Abteilungsleitung. Die Hälfte der Unternehmen sind im Maschinen- und Anlagebau (inkl. Zulieferer) tätig und 17 Prozent bei Herstellern von elektronischen, optischen und elektrischen Erzeugnissen. 61 Prozent der befragten Unternehmen beschäftigen 1 bis 249 Mitarbeitende, 12 Prozent 250 bis 999 Mit­arbeitende und 27 Prozent mehr als 1000 Mitarbeitende.
Die kompletten Umfrage­ergebnisse können mittels diesem Link herunter­geladen werden.

Industrie 2025
Industrie 2025 ist die nationale Initiative mit dem Ziel, die digitale Transformation auf dem Werkplatz Schweiz voranzutreiben. Sie führt Anspruchsgruppen zusammen, strukturiert und vertieft vorhandenes Wissen und Erfahrungen und stellt diese frei zur Verfügung. Sie sorgt für die Einführung, Begleitung und Verankerung der Industrie-4.0-Konzepte in Wertschöpfungsnetzwerken und Produktionsunternehmen. Dies geschieht über vielfältige Aktivitäten, Arbeitsgruppen und konkrete Dienstleistungen.

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